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Sie befinden sich hier: Reisen > 2005 > Pflug "Ein Herz für´s Höhere" Lesung von Reiner Plug in der ev. Familienbildungsstätte Uelzen. 12. März 2005 Text: Anna Susanne Jahn
"Ein Herz für´s Höhere" - Reiner Pflug las in der Evangelischen Familien-Bildungsstätte Bereits zum dritten Mal war Reiner Pflug am vergangenen Sonnabend in der ev. Familien-Bildungsstätte mit einem glanzvollen Komödienabend zu Gast (letzter Besuch). Diesmal las der Literaturwissenschaftler ausgewählte Passagen aus Theodor Fontanes Roman "Frau Jenny Treibel". In dem 1893 erschienenen Roman, der ursprünglich "Wo sich Herz zum Herzen find´t" heißen sollte, führt Fontane uns die berlinische Bourgeoisie der Gründerzeit mit kritischer Heiterkeit vor Augen. Seine Titelheldin Jenny Treibel, geborene Bürstenbinder, die sich vom Ladenmädchen aus der Köpenicker Straße zur reichen Industriellengattin emporgeheiratet hat und ihren enormen Standesdünkel und Hochmut als "Commerzienrätin" mit viel trivialem Sinn für "das Poetische" garniert, liefert einen wunderbaren Stoff für die Heiratskomödie um ihren Sohn Leopold und die kluge und gebildete, aber unvermögende Professorentochter Corinna Schmidt. Fontanes Gesellschaftskritik zielt in dieser brillanten Milieustudie auf "das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige" des emporgekommenen Bürgertums (so der Autor). Seine Romanfigur Professor Willibald Schmidt läßt er über seine Jugendfreundin Jenny Treibel sagen: "Das Sentimentale liebte sie damals schon, aber doch immer unter Bevorzugung von Courmachen und Schlagsahne." Und er stellt fest, "daß sie sich aufrichtig einbildet, ein gefühlvolles Herz, und vor allem "ein Herz fürs Höhere" zu haben. Aber sie hat nur ein Herz (...) für alles, was ins Gewicht fällt und Zins trägt, und für viel weniger als eine halbe Million gibt sie den Leopold nicht fort." Und fährt bewundernd fort: "Ein Musterstück von einer Bourgeoise." Herrlich die Beobachtungsgabe, mit der Fontane seine halbgebildete Heldin Jenny Sätze wie diesen äußern läßt: "Sonderbar, ich kann Sherry vertragen und auch Port, wenn er lange gelagert hat, aber Mosel und Selterwasser, das benimmt mich." Oder: "Aber Gott sei Dank, ich habe mich an Gedichten herangebildet, und wenn man viele davon auswendig weiß, so weiß man doch manches." Die bürgerliche Heuchelei und Doppelmoral wird offenbar, als die Kinder ihre eigenen Vorstellungen über ihre Heiratsabsichten entwickeln. Corinna hat sich in den Kopf gesetzt, Leopold Treibel seines Geldes wegen zu heiraten, und strebt entschlossen die Flucht aus ihren "kleinen Verhältnissen" an. "Ich find´ es ungemein reizend, wenn so die kleinen Brillanten im Ohr blitzen, etwa wie bei meiner Schwiegermama in spe...", läßt Fontane sie laut träumen - und entfacht daraufhin ein Feuerwerk an meisterlichen Intrigen und familiären Bosheiten. Der richtige Stoff für den brillanten Vortragskünstler Reiner Pflug, der auch die feinsten Nuancen der Berlinischen Sprache (und auch der Hamburgischen!) so genüßlich und pointiert vortrug, daß man sich nach diesem wunderbaren Abend dringend auf den Weg in die nächste Buchhandlung machen möchte - um Fontanes Meisterwerke wieder zu entdecken Das trotz des Schneetreibens zahlreich erschienene Publikum bedankte sich für den großartigen Vortrag mit lang anhaltendem und wohlverdientem Applaus. Geplant sind weitere Lesungen mit Pflug am 5.11.2005 und im März 2006. Einige Fotos (Klick auf das Foto gibt eine Vergrößerung):
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